Romeo und Julia - eine Chinchillaliebe mit Hindernissen

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Dieser Bericht entstammt meiner sehr persönlichen Erfahrung und ist für meine Chinchillas Sancho und Lilly, die beide einen schweren Weg zurück gelegt haben, bis sie endlich miteinander glücklich werden konnten.


Sancho zog bereits im zarten Alter von 5 Monaten bei mir ein und blieb eigentlich über die Jahre hinweg trotz Einzelhaltung ein richtiger Lausbub. Im Alter von 7 Jahren beschloss ich – dank einem besseren Informationsstand – ein weiteres Tier dazu zu holen. Allerdings wollte ich kein Jungtier. In einer Zeitschrift stieß ich Anfang des Jahres auf eine Anzeige, in der ein 7 jähriges Chinchillamädchen ein neues Heim suchte. Ein kurzer Anruf ergab, dass die Halterin wegen beruflichen Gründen nicht mehr in der Lage sein würde sich ausreichend um das Tier zu kümmern. Allerdings wollte sie Lilly erst im September – bei Beginn der Ausbildung – abgeben. Also wurde kurzerhand beschlossen, dass die süße Maus erst im September bei mir einziehen sollte. Leider brach der Kontakt aber recht schnell ab und die Sache geriet meinerseits schon fast in Vergessenheit, als im Juni plötzlich das Telefon klingelte. Wegen einer Auslandsreise würde sie das Tier schon gerne eher abgeben. Also standen wenige Tage später plötzlich zwei Käfige in meinem Wohnzimmer.

Genauso wie Sancho sich in seinem Käfig über den Zuwachs aufregte, so tat es leider auch mein damaliger Partner. Wir Mädels nahmen das allerdings recht gelassen und ignorierten die Männer. Nach wenigen Tagen hatten sich beide auch soweit beruhigt, dass wir zur nächsten Stufe übergehen konnten. Die Testphase des gemeinsamen Freilaufs ging aber leider wegen dem überschäumenden Temperament meines Böckchens mit ziemlich heftigen Beißereien und Schlägen aus. Lilly war ein sehr schüchternes Mädel, aber sobald sich Sancho ihr näherte, wurde sie zur Furie. Kein Wunder, denn wenn mit Sancho einmal die Pferde durchgehen, dann hilft nur noch der symbolische Holzhammer um ihn wieder auf die Erde zu bekommen. Das ganze Spiel zog sich über mehrere Tage – mit dem einzigen Erfolg, dass Frauchens Nerven blank lagen. Also wurde zu härteren Mitteln gegriffen und die beiden mussten zusammen Auto fahren. Doch sobald sie in der Transportkiste zusammen saßen, gingen die Kämpfe wieder los. Mit ziemlich gemeinem wackeligen Laufen samt der Box beruhigten sie sich aber irgendwann und kuschelten miteinander. Doch nach geschlagenen 30 Minuten im neutralen dritten Käfig musste ich die zwei aus Sicherheitsgründen wieder trennen. Am nächsten Tag musste ich wegen Lillys gesundheitlicher Angeschlagenheit (Fell und Ohren) zum Tierarzt und habe Sancho kurzerhand mit eingepackt. Die Fahrt und die Atmosphäre beim Tierarzt ließen aber endlich sämtliche Abneigungen erlöschen. Zu Hause wurden zwar noch Showkämpfe im Käfig ausgetragen, aber bereits am selben Abend erwischte ich beide beim gegenseitigen Beknabbern. Zwei Tage später zogen sie dann gemeinsam in Sanchos übergroßen Käfig zurück. Lilly lebte sich recht schnell ein und die beiden wurden sehr schnell ein unzertrennliches Paar und keiner ging mehr ohne einen Schritt des anderen. Das Glück war perfekt, als Lilly einen dicken Buch bekam und man sah, dass ein Baby unterwegs war....
Doch statt dem Happy End fängt hier leider die eigentliche Geschichte an.

Lilly entwickelte sich während der Schwangerschaft prächtig. Sie hörte mit dem Fellbeißen auf, die Ohren waren wieder so frei, dass sie gut hören konnte und selbst ihre Angst vor größeren Höhen (Anfangs ab 10 cm) legte sich nach und nach. Sie lernte, das Sandbad zu benutzen und beide Tiere lernten, miteinander zu spielen und sich zu unterhalten. Doch dann kam der Tag, an dem Lilly ihren Nachwuchs eigentlich zur Welt bringen sollte. Frauchen und Gatte warteten allerdings vergeblich. Als ich ganze 10 Tage nach dem errechneten Termin nach Hause kam, lag meine Süße in den Wehen. Mich wunderte es etwas, dass es zur Mittagszeit war. Und als Stunden später immer noch kein Baby da war fing ich an, mir sorgen zu machen. Ein Besuch in der Tierklinik mit Ultraschall und Röntgen ergaben, dass ein einziges großes Baby sich in Lilly‘s Bauch breit gemacht hatte und darauf wartete, in die Freiheit zu dürfen. Da die Wehen zwischendurch verschwunden waren, war die Ärztin etwas irritiert und fragte mich, ob ich mir sicher sei. Pünktlich bei diesem Satz setzten die Wehen aber wieder ein. Zusätzlich dazu setzte sie noch eine Wehenspritze und ich durfte sie erst einmal mit nach Hause nehmen. Bereits vor dem Klinikbesuch hatte ich mit einem mir schon länger bekannten Züchter telefoniert, da er in der Nähe wohnte und mein Tierarzt leider übers Wochenende weggefahren war. Da er sich wirklich rührend um das Schicksal meiner Kleinen kümmerte, stand er am frühen Abend auch bei mir vor der Tür. Nach eindringlichen Gesprächen wurde mir leider klar, dass ich meine Lilly durch das gehobene Alter und die erste Schwangerschaft in eine ziemlich brisante Lage gebracht hatte, denn der Geburtskanal war nachweislich zu eng und das Baby kam nicht alleine hinaus. Der nächste Schritt war ein erneuter Besuch in der Tierklinik und eine notwendige OP. Da mir von Anfang an gesagt wurde, dass man mit etwas Glück wenigstens das Jungtier durch bekommen können und sehr, sehr schlechte Chancen für die Mutter bestehen, diesen Eingriff zu überleben, wurde eine andere säugende Chinchillamama mitgenommen. Um 22.30 war es dann soweit, dass ich meine Lilly mit Tränen in den Augen und versagender Stimme den "letzten Weg" antreten lassen musste. Denn hätte ich es nicht getan, wären beide Tiere auf qualvolle Art verendet.

Hier ist deutlich die Schnittgröße der Wunde zu sehenDoch manchmal passieren kleine Wunder und knappe 30 Minuten später konnte ich Mama und Baby wieder in meine Arme schließen. Schwer angeschlagen, aber beide am leben. Das kleine Baby – ich taufte sie spontan Amadea, wo ich sonst Tage für den passenden Namen brauche – blieb gleich bei der Amme und der Züchter war so lieb, sich um sie zu kümmern. Er verfügte auch über deutlich mehr Erfahrung und ich hatte wirklich beide Hände voll mit meiner Lilly zu tun. Doch trotz geglückter OP sagte man mir, dass erst die nächsten drei Tage über Leben und Tod beider Tiere entscheiden würden. Die nächsten 24 Stunden verbrachte ich weiterhin ohne zu schlafen an Lillys Seite. Fütterte sie, hielt sie warm und probierte mit allen Mitteln, ihre Verdauung wieder ans laufen zu bekommen. Auch die kleine Amadea machte sich anfangs prächtig. Sie nahm Nahrung zu sich und die Amme hatte das kleine ohne Komplikationen als ihr eigenes angenommen. Um so härter traf mich die Nachricht, dass Amadea knappe 48 Stunden nach ihrer Geburt friedlich unter ihrer Ziehmutter entschlummerte.

Die Mama erholte sich recht schnell, und das, obwohl sie über die Hälfte ihres Körpers aufgetrennt hatten. Man merkte richtig, wie sie auf gewöhnte Geräusche reagierte und meine Fürsorge genoss.

So glücklich ich auch über ihre Genesung war – nun tat sich das Problem auf, dass ich beide Tiere nicht mehr zusammen halten konnte. Die natürliche Verhütungsmethode – die es auch bei Chinchillas gibt – konnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, denn eine erneute Schwangerschaft hätte für Lilly den Tod bedeutet. Der Eingriff um sie zu retten war allerdings schon so gefährlich, dass man eine komplette Sterilisation nicht mehr riskieren konnte. Also blieb nur die Möglichkeit, den Bock kastrieren zu lassen.

Wer sich mit Chins beschäftigt wird mitbekommen haben, dass fast 50% der kastrierten Böcke diesen Eingriff wegen der Narkose oder nachfolgenden Komplikationen ebenfalls nicht überstehen. Zu diesem Zeitpunkt konnte und wollte ich es emotional nicht riskieren, meinen Sancho bewusst diesem hohen Risiko auszusetzen.
Ganze 8 Wochen hielt ich die beiden getrennt. In Käfigen nebeneinander saßen sie die ganze Zeit gegenüber am Gitter und sahen sich an. Beim gemeinsamen Freilauf (und Frauchen als Anstandsdame) konnten sie nicht mehr voneinander lassen.
Als Lilly wieder mit dem Fellbeißen anfing und mein Sancho immer aggressiver wurde, schaffte ich mir eine riesige Voliere mit zwei getrennten Etagen an, in der sie sich nicht mehr ständig sehen mussten. Aber die Verhaltensstörungen wurden immer schlimmer und ich musste mich zum Wohl der Tiere endlich entscheiden. Entweder ein Tier abzugeben, oder es blieb nur noch die Kastration. Nach weiteren langen Tagen des Zweifels fragte ich bei meinem Tierarzt an, der aber wegen dieser hohen Gefahr den Eingriff verweigerte. Das brachte wieder neue Zweifel.... doch nachdem es mit den beiden immer schlimmer wurde und ich sie nicht mal mehr zusammen laufen lassen konnte – denn es kam durch Sanchos neue Aggressivität immer öfters zu Handgreiflichkeiten - kam es zu einer ausschlaggebenden Situation.

Sancho durfte raus und Lilly war dementsprechend noch in ihrem Heim. Der kleine Bock war gar nicht mehr bereit dazu, sich auszutoben sondern saß einfach nur vor dem Käfig und schaute Lilly mit herzerweichendem Blick an, die oben auf ihrem Sitzbrett sah und mit gleicher Miene zu ihm hinunter schmachtete. Mir schoss nur noch der Gedanke an die Balkonszene in "Romeo und Julia" durch den Kopf und ich wusste, es geht so nicht mehr länger weiter.

Also erkundigte ich mich kurzerhand beim Tierheim, wo sie ihre Chins kastrieren lassen. Drei Tage später fuhr ich mit Sancho wieder schweren HerzensSancho nach der Kastration, noch reichlich benommen unter Rotlicht dort hin. Ich bekam ihn mittags noch recht angeschlagen wieder. Und natürlich beachtete ich in den nächsten Tagen alle Vorsichtsmaßnahmen und probierte wie bei Lilly zuvor, die Verdauung in den Griff zu bekommen. Zwei Tage nach der OP musste ich allerdings die schreckliche Entdeckung machen, dass der ganze Afterbereich um ein vielfaches angeschwollen war und ihm sichtbare Schmerzen bereitete.
Der Tierarzt – wieder die besagte Tierklinik, die mir bereits bei Lilly geholfen hatte – gab mir Antibiotika mit und spritze abschwellende Mittel. Viel zurück ging die Schwellung allerdings nicht. Auch bei einem Besuch zwei Tage später war der Tierarzt ziemlich ratlos, denn entzündet war die Wunde nicht. Ich behielt es recht genau im Auge und probierte, Sancho möglichst still zu halten. Doch vor Sylvester wurde es mir zu unheimlich. Also fuhr ich wieder zur Klinik. Diesmal hatte sich die Wunde allerdings sehr kräftig entzündet und musste geöffnet werden. Da ich an diesem Tag leider nicht ganz auf der Höhe war, kam es auch zu Komplikationen bei Frauchen, was den Kreislauf betraf.

Am nächsten Tag – Sylvester – dann noch einmal das gleiche Spiel. Allerdings blieben wir diesmal beide tapfer. Und deshalb "durfte" ich die nächsten zwei Tage auch alleine spülen, was mir mit der Unterstützung von meinem Freund auch sehr gut gelang. Naja, ich hab zumindest gut festgehalten <gesteh>. Die Entzündung war so nach wenigen Tagen wieder beseitigt. Offenbar hat Sancho den benutzen Faden nicht vertragen und sehr stark allergisch auf das Material reagiert.

Tja, und bald sollte dann der große Tag sein, an dem beide endlich wieder fest zusammen sein dürfen. Nach mehreren Wochen räumlichen getrennt seins, hatten die zwei den ersten gemeinsamen Freilauf wieder hinter sich und waren sichtlich glücklich darüber. Da die Kastrationswunde komplett abgeheilt ist und jetzt bereits 5 1/2 Wochen seit der OP ins Land gezogen sind, kann Sancho damit keine Kinder mehr zeugen und nach qualvollen 3 Monaten bekam Romeo endlich seine Julia wieder..........

© Bilder und Text: Heike Brzezina, 2000
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