Mythos Geburtenkontrolle: "Nachwuchsstopp erfolgt automatisch"

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Immer wieder stoße ich in meinem tierischen Alltag auf die Bemerkung: Die Tiere hören von alleine auf sich zu vermehren, wenn die Gruppe groß genug ist. Doch was steckt hinter diesem Satz? Naivität oder Realität?

Nun, ich muss aus meinen Erfahrungen heraus leider sagen, es ist schlichtweg Naivität. Und zwar eine Naivität, der sowohl Halter als auch die Tiere selber zum Opfer fallen. Viele Tiere paaren sich praktisch unmittelbar nach der erfolgten Geburt wieder von neuem, so dass der nächste Wurf natürlich nicht lange auf sich warten lässt. Und die Größe des nächsten Wurfs lässt sich nicht vorher bestimmen. So kann es passieren, dass z.B. bei einem Degupaar beim ersten Wurf nur 2 So schön Nachwuchs auch ist - der Mensch muss Grenzen setzen! Babys auf die Welt kommen, beim darauf folgenden Wurf allerdings 8 dieser kleinen süßen Dinger. Doch was, wenn der Platz nur für 5 Tiere insgesamt reicht? So etwas wird die Biologie der werdenden Mutter mit Sicherheit nicht von alleine feststellen und regulieren können. Und wie sollen Tiere überhaupt ihre  "Quadratmeterzahl pro Person" berechnen können? Zumal es leider eine bewiesene Tatsache ist, dass selbst Tierpärchen oft in einem Käfig gehalten werden, der für sie selber schon zu klein ist – also sprechen wir lieber von Quadratzentimetern. Oftmals vergessen wir dank einer natürlich vorhandenen Intelligenz unserer Tiere, dass sie nicht der "menschlichen" Planung fähig sind. Trotz jahrelanger Domestikation sind und bleiben unsere Tiere halt Tiere. Und sie sind mit den dazu passenden positiven und negativen Instinkten ausgestattet. Unter anderem halt auch dem tierischen Trieb zur Fortpflanzung. Das heißt, es wird sich ohne "Rücksicht" auf Verwandtschaftsgrad oder Familienmitglieder gepaart. Auch in größeren Gruppen mit mehreren geschlechtsreifen Weibchen könnte es z.B. passieren, dass 4 Weibchen gleichzeitig gedeckt werden und größere Würfe zur Welt bringen. Und schnell sind alleine bei 3 Babys pro Tier schon 12 Stück mehr im Käfig. Und das bringt mich zu dem nächsten und eigentlich schwerwiegenderen Problem:

Die Folgeschäden
Nicht nur, dass wir als Halter vor einem hoffnungslos überfüllten Käfig stehen, auch die Tiere finden sich in einer Situation wieder, der sie nicht mehr gewachsen sind. Wie in jedem Familienverband (Rudel) wird es stärkere und schwächere Tiere geben. Doch wo die schwächeren in einer Familie integriert sind, schlägt bei einer zu groß gewordenen Gruppe das Prinzip an: Nur der Stärkere überlebt. Auch dies ist ein Gesetz der Natur, was tief in den tierischen Instinkten verankert ist und gegen das wir Menschen nichts unternehmen können. Rangeleien ums Futter - und sei die Menge noch so ausreichend – sind dank besitzergreifendem Verhalten genauso die Folge wie verängstigte Tiere, die sich in irgendwelche kleinen Ecken zurück ziehen, weil die höher gestellten Tiere einen besseren Platz für sich beanspruchen und bei Nichtbeachtung der Regeln gerne mal etwas stärker austeilen. Aggressive und auch verängstigte Tiere sind die Folge.

Doch was passiert mit neuem Nachwuchs, der einfach keinen Platz mehr hat? Hier ist es leider so, das die Neugeborenen oder auch Jungtiere meist keinerlei Chance haben zu überleben. Eine Mutter, die in ihrem Nest gerade ein paar wehrlose Babys liegen hat, wird sich gegen die Attacken der anderen Tiere zur Wehr setzen müssen, weil diese einfach nur Konkurrenz in den Neulingen sehen. Noch weniger Platz, noch weniger Futter, noch mehr Hektik, eventuell ein angehender Rivale der ihnen den Rang streitig machen wird. Durch die Spannung zwischen Muttertier und potentiellem "Räuber" kommt es auch im Gehege zu immer stärkeren Beißereien, bei denen selbst ein erwachsenes Tier den Tod finden kann. Wie es aus vielen Tierstudien bekannt ist, gibt es aber auch den Fall, dass die Mutter ihre Familie selber aufgibt und kurzerhand lieber verspeist, als sie anderen Tieren zu überlassen. DieseVertut man sich bei der Geschlechtertrennung mit nur einem Männchen in der Weibchengruppe, hat das fatale Folgen Situationen führen über kurzes oder langes Bestehen zu starken Verhaltensstörungen bei den Tieren, die sich nicht mehr beseitigen lassen. Erlebte Situationen prägen Tiere deutlich mehr, als es selbst bei uns Menschen der Fall ist und aus diesem Grund lässt sich das aggressive Verhalten auch nicht mehr aus dem Charakter der Tiere streichen. Das heißt, sie haben für immer Tiere mit einem ausgeprägten seelischen Knacks in ihrer Obhut.

Doch warum halten sich solche Gerüchte dann? Zum einen sind leider einige Falschaussagen in (sehr wenigen) Tierbüchern der Fall. Natürlich haben sich die Autoren mit Haltung, Lebensart und auch Nachwuchs beschäftigt. Doch leider werden selten intensive Verhaltensstudien durchgeführt oder aber sie sind zu speziell um in einem doch recht allgemeinen Tierratgeber erwähnt zu werden. Autoren, die diese Meinung nicht vertreten, schreiben meist gar nichts zu diesem Thema, was die anderen Aussagen schon wieder glaubwürdiger erscheinen lässt. Doch auch Mundpropaganda von "normalen" Haltern lässt diese Quelle nicht versiegen. Denn wenn ich von 5 Leuten das gleiche höre, muss ja doch etwas dran sein, oder?! Ich habe auch schon von Paaren und Familien gehört, in denen nicht so intensiv Nachwuchs gezeugt wurde wie in anderen Familiengruppen (und das obwohl der Platz eigentlich da war). Doch das hat nicht die "Geburtenkontrolle" geschafft, sondern meist biologische Ursachen wie eine Unfruchtbarkeit. Z.B. kann das bei Tieren gleicher Art schon an den genetischen Anlagen liegen, auch wenn diese Tiere mit anderen Partnern ev. Nachwuchs zeugen könnten. Oder anderen biologischen Spezialgebieten, die ich jetzt besser Veterinären überlassen möchte. Sicher kommt es auch bei vollkommen gesunden Tieren vor, dass es seltenere Würfe gibt. Und manche Weibchen sind einfach dafür veranlagt, viel oder wenig Babys zu gebären. Und diese Ausnahmen sind es wahrscheinlich auch, die solche Gerüchte überdauern lassen. Doch wenn man feststellt, dass es bei der eigenen Tiergruppe nicht so ist, ist es leider meist zu spät und zusätzlich zu der großen Gruppe - die sich nicht mehr versteht hat - man wahrscheinlich schon wieder schwangere Mädels im Käfig sitzen.....

© Heike Brzezina, 2001
www.nagetiere-online.de

 

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